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Was einen guten Anforderungsmanagement-Prozess auszeichnet

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Was einen guten Anforderungsmanagement-Prozess auszeichnet

14.1.2026

8

Min. Lesedauer

Was einen guten Anforderungsmanagement-Prozess auszeichnet

Anforderungsmanagement ist das Rückgrat erfolgreicher Produktentwicklung – unabhängig davon, ob es sich um mechanische, elektronische oder softwarebasierte Systeme handelt. Wer Anforderungen nicht sauber erhebt, dokumentiert, prüft und steuert, riskiert Fehlentwicklungen, Nacharbeiten und Kostenexplosionen.

Doch was genau macht einen guten Anforderungsmanagement-Prozess aus?

Viele Unternehmen konzentrieren sich zunächst auf Tools oder Methoden, ohne sich über den eigentlichen Ablauf und die logische Struktur ihrer Anforderungsarbeit klar zu werden.

Dabei ist der Prozess das Bindeglied zwischen methodischem Vorgehen und organisatorischer Umsetzung. Um zu verstehen, wie ein solcher Prozess aussehen sollte, lohnt zunächst ein Blick auf die vier grundlegenden Aktivitäten des Requirements Engineering, die in keinem Anforderungsmanagement-Prozess fehlen dürften.

Die vier logischen Aktivitäten des Requirements Engineering

Das Requirements Engineering (RE) wird klassischerweise in vier zentrale Aktivitäten gegliedert:

  1. Ermittlung von Anforderungen
  2. Dokumentation von Anforderungen
  3. Validierung von Anforderungen
  4. Management von Anforderungen

Diese vier Aktivitäten bilden die logische Abfolge, in der Anforderungen inhaltlich entstehen und weiterentwickelt werden.

Es handelt sich jedoch nicht um einen Prozess im organisatorischen Sinne, sondern um inhaltlich-logische Schritte, die sich in jedem Projekt – unabhängig von Vorgehensmodell oder Tool – wiederfinden.

1. Ermittlung von Anforderungen – den Bedarf verstehen

Am Anfang jedes Projekts steht die Frage: Was soll eigentlich erreicht werden?

In der Anforderungsermittlung geht es darum, den Bedarf, die Ziele und die Rahmenbedingungen eines Systems zu verstehen. Typische Quellen sind Stakeholder-Interviews, Marktanalysen, Normen oder bestehende Produkte.

Ein häufiger Fehler ist, an dieser Stelle vorschnell in Lösungen zu denken. Gute Anforderungsermittlung bedeutet, vom Problem auszugehen, nicht von der Lösung. Das Ziel ist ein gemeinsames Verständnis aller Beteiligten darüber, was das System leisten soll – nicht, wie es das tut.

2. Dokumentation von Anforderungen – das Verstandene festhalten

Was nicht festgehalten ist, existiert nicht.

Ermittelte Anforderungen müssen präzise, verständlich und überprüfbar dokumentiert werden. Dabei kommen unterschiedliche Formate zum Einsatz – von textbasierten Beschreibungen über Use Cases bis hin zu Modellen oder Diagrammen.

Die Dokumentation dient nicht nur als Nachschlagewerk, sondern ist die Grundlage für Kommunikation, Abstimmung und spätere Validierung.

Erst hier wird das Unsichtbare greifbar: Annahmen werden explizit, Widersprüche erkennbar, Prioritäten klar.

Doch man kann nur dokumentieren, was zuvor ermittelt wurde – hier zeigt sich bereits die logische Abhängigkeit der Aktivitäten.

3. Validierung von Anforderungen – Qualität sichern

In der Validierung wird überprüft, ob die dokumentierten Anforderungen korrekt, vollständig und widerspruchsfrei sind – und ob sie tatsächlich das abbilden, was Stakeholder wirklich brauchen.

Dabei können verschiedene Techniken eingesetzt werden: Reviews, Prototyping, Simulation oder Tests auf Anforderungsebene. Die Validierung ist kein einmaliger Schritt, sondern ein iterativer Prozess, der immer wieder neue Erkenntnisse liefert.

Und genau hier wird deutlich: Wenn in der Validierung Lücken oder Konflikte entdeckt werden, muss man zurück zur Ermittlung oder Dokumentation.

Requirements Engineering ist also kein linearer Wasserfall, sondern ein dynamischer Kreislauf.

4. Management von Anforderungen – den Überblick behalten

Sobald Anforderungen freigegeben und aktiv genutzt werden, beginnt das eigentliche Anforderungsmanagement im engeren Sinne.

Es umfasst das Änderungsmanagement, die Versionierung, die Nachverfolgbarkeit (Traceability) sowie die Pflege von Abhängigkeiten über den gesamten Lebenszyklus hinweg.

Gerade in modernen Entwicklungsumgebungen mit agilen oder hybriden Vorgehensmodellen ist das Management entscheidend, um trotz Änderungen und paralleler Arbeit den Überblick zu behalten.

Hier entscheidet sich, ob das Projekt stabil bleibt – oder im Chaos endet.

Vom logischen Ablauf zum tatsächlichen Prozess

Die vier beschriebenen Aktivitäten bilden zwar eine logische Reihenfolge, aber noch keinen Prozess im organisatorischen Sinn. Es ist klar, dass beispielsweise nicht erst alle Anforderungen ermittelt werden bevor die Dokumentation beginnt. Stattdessen durchläuft man die einzelnen Aktivitäten immer und immer wieder – jeweils für unterschiedliche Anforderungspakete.

Ein Prozess entsteht folglich erst, wenn diese Aktivitäten mit konkreten Inhalten, zeitlicher Struktur, Verantwortlichkeiten und Freigabepunkten kombiniert werden.

Dabei folgt ein guter Prozess dem Prinzip der Verfeinerung und kontinuierlichen Absicherung.

Das Prinzip „vom Groben ins Feine“

Ein wirksamer Anforderungsmanagement-Prozess orientiert sich am Prinzip der schrittweisen Verfeinerung.

Das bedeutet: Man beginnt mit dem großen Ganzen, also der Projektidee, der Produktvision oder dem Systemzweck, und leitet daraus nach und nach konkretere Anforderungen ab, statt sich direkt in allen Details zu verlieren.

Dieses Vorgehen hat drei wesentliche Vorteile:

  1. Man verliert nie das Ziel aus den Augen, weil alle Detailanforderungen auf übergeordnete Ziele zurückführbar sind.
  2. Man sorgt dafür dass nichts vergessen wird, in dem man sich systematisch von „oben nach unten“ hangelt.
  3. Änderungen lassen sich gezielt nachverfolgen, weil man versteht wie sich Änderungen von oben nach unten beeinflussen.

In der Praxis finden sich zwei zentrale Vorgehensweisen, um das Prinzip „vom Groben ins Feine“ zu realisieren: die architektonische Verfeinerung und die funktionale Dekomposition.

Architektonische Verfeinerung

Die architektonische Verfeinerung orientiert sich an der Product Breakdown Structure (PBS), also dem strukturellen Aufbau des zu entwickelnden Systems. Ausgehend vom Gesamtsystem werden die Anforderungen Schritt für Schritt auf die jeweilige System-, Modul- und Komponentenebene heruntergebrochen.

Beispiel:

Ein Automobilhersteller startet mit Systemanforderungen an das gesamte Fahrzeug.

Daraus ergeben sich Modulanforderungen für das Bremssystem, die Beleuchtung oder das Infotainment.

Auf Komponentenebene folgen dann konkrete Anforderungen an Bremsscheiben, Sensoren oder Steuergeräte.

Diese Strukturierung ermöglicht klare Verantwortlichkeiten, unterstützt die Traceability und ist essenziell für Test- und Risikoanalyse.

Funktionale Dekomposition

Alternativ oder ergänzend zur architektonischen Sicht kann man Anforderungen auch funktional dekomponieren, also entlang der Funktionen, die das System erfüllen soll.

Hier steht die Frage im Vordergrund: Welche Funktion trägt wie zur Erfüllung des Systemzwecks bei?

So entstehen beispielsweise Anforderungen an „Erkennung“, „Verarbeitung“ und „Anzeige“, die später bestimmten Architekturkomponenten zugeordnet werden können.

Eine funktionale Sicht eignet sich besonders in frühen Phasen oder bei Systemen mit vielen softwarebasierten Anteilen, da sie hilft, logische Zusammenhänge zu verstehen, bevor konkrete physische Strukturen festgelegt werden.

Kombination beider Sichtweisen

In der Praxis ist die Kombination beider Ansätze meist am effektivsten:
Die architektonische Struktur liefert den Rahmen, die funktionale Struktur beschreibt die innere Logik. Ein gutes Anforderungsmanagement verbindet beides – etwa nach dem Twin Peaks Modell, bei dem Anforderungen und Architektur parallel verfeinert werden.

Damit entsteht ein iterativer Prozess, bei dem Anforderungen einerseits die Architektur beeinflussen und andererseits von ihr konkretisiert werden.

Der Prozess als Steuerungsinstrument

Ein Anforderungsmanagement-Prozess ist also weit mehr als nur eine methodische Reihenfolge. Er ist das Steuerungsinstrument, das sicherstellt, dass Anforderungen nachvollziehbar, konsistent und qualitätsgesichert entstehen.

Zu einem guten Prozess gehören:

  • Klare Rollen und Verantwortlichkeiten (z. B. wer darf Anforderungen freigeben?)
  • Definierte Qualitätskriterien für Anforderungen
  • Abgestimmte Meilensteine mit Freigaben und Übergaben
  • Transparente Kommunikationswege zwischen Fachabteilungen und Entwicklung
  • Toolunterstützung, die Wiederverwendung, Versionierung und Rückverfolgbarkeit ermöglicht

So entsteht ein Prozess, der nicht nur logisch ist, sondern auch praktisch funktioniert – in agilen wie klassischen Umgebungen.

Iterationen und Rückkopplungen gehören dazu

Ein häufiger Irrglaube ist, dass ein definierter Prozess zwangsläufig linear abläuft. In der Realität ist Anforderungsmanagement immer iterativ.

Wenn in der Validierung auffällt, dass Anforderungen fehlen, muss man zurück zur Ermittlung. Wenn während der Umsetzung neue Erkenntnisse entstehen, muss man Dokumentation und Management anpassen.

Diese Rücksprünge sind kein Zeichen von Schwäche, im Gegenteil: Sie sind ein Kennzeichen professionellen Arbeitens. Ein guter Prozess lässt solche Rückkopplungen bewusst zu, statt sie zu unterdrücken.

Ein guter Anforderungsmanagement-Prozess ist kein Zufallsprodukt

Ein guter Anforderungsmanagement-Prozess vereint Struktur, Logik und Flexibilität. Er basiert auf den vier Aktivitäten des Requirements Engineering, folgt dem Prinzip „vom Groben ins Feine“ und integriert sowohl architektonische als auch funktionale Sichtweisen.

Das Ziel ist nicht, jeden Schritt perfekt zu planen, sondern ein transparentes und nachvollziehbares Vorgehen, das Anpassungen erlaubt, ohne die Übersicht zu verlieren.

Wer das erreicht, schafft die Grundlage für Qualität, Effizienz und Innovation – und nutzt Requirements Engineering nicht nur als Pflichtübung, sondern als echten Erfolgsfaktor der Produktentwicklung.

Über den Autor

Dr. Sebastian Adam

Dr. Sebastian Adam

Geschäftsführer & Mitgründer

Dr. Sebastian Adam beschäftigt sich seit über 20 Jahren intensiv mit Anforderungsmanagement. Sein Wissen und seine Erfahrung machen ihn zu einem anerkannten Experten, wenn es um die Herausforderungen und Best Practices in diesem Bereich geht. 2015 gründete er die OSSENO Software GmbH, um Unternehmen dabei zu helfen, ihr Anforderungsmanagement einfacher, effizienter und zukunftssicher zu gestalten. Mit reqSuite® rm, der von ihm entwickelten Software, hat er eine Lösung geschaffen, die Unternehmen dabei unterstützt, Anforderungen strukturiert zu erfassen, zu verwalten und nachhaltig zu verbessern. Sein Anspruch: Praxistaugliche Methoden und moderne Technologien zusammenbringen, um Unternehmen wirklich weiterzuhelfen.

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